Dr. Thomas Jahn, Direktor Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), Frankfurt am Main
Interview durchgeführt am
18.12.2006 von
Dr. Ute Süßbrich
Felder der sozial-ökologischen Forschung
Der sozial-ökologische Blick soll uns helfen, besser zu verstehen, … wo die Wissensgrenzen zum Verständnis der untersuchten Probleme liegen … und neue innovative Methoden zu entwickeln, mit Hilfe derer diese Probleme bearbeitet und Lösungsperspektiven entwickelt werden können.
Herr Dr. Jahn, Sie sind Direktor des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE). Welches Aufgabenfeld umfasst die sozial-ökologische Forschung?
Die sozial-ökologische Forschung ist ein noch junges Wissenschaftsgebiet; aktiv ist sie im Wesentlichen in der Umwelt- und der Nachhaltigkeitsforschung. Von anderen Wissenschaftszweigen unterscheidet sie sich dadurch, dass sie sich auf Wechselbeziehungen zwischen Natur und Gesellschaft konzentriert und Verbindungen zwischen den Diskursen in Alltag und denen in der Wissenschaft sucht. Unser Interesse richtet sich auf das Verständnis dieser Wechselbeziehungen, auch auf Überraschungen, auf die wir in diesen Grenzbereichen stoßen. Hier geht es um eine Neubewertung von Bekanntem und um Auseinandersetzungen über die Deutung neuer Phänomene, denken Sie etwa an die Kontroversen um Klimaschutzpolitik und Anpassungsstrategien an den Klimawandel.
Welche Methoden sind für Ihre Forschung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften maßgeblich, vor dem Hintergrund, dass den Geisteswissenschaften immer noch eher „verstehende“ Methoden und den Naturwissenschaften eher „erklärende“ Methoden zugeordnet werden?
Diese Gegenüberstellung von Sozial- und Geisteswissenschaften einerseits und Natur- und Technikwissenschaften andererseits war für die Anerkennung der Sozial- und Geisteswissenschaften im 19. und frühen 20. Jahrhundert wichtig. Sie trifft heute so nicht mehr zu. Es gibt vielmehr unterschiedliche Mischungsverhältnisse und methodische Ausformungen innerhalb beider Wissenschaftsfelder. Da wir uns im Grenzbereich zwischen Natur und Gesellschaft bewegen, wählen wir einen inter- und transdisziplinären Forschungszugang. Wir fragen danach, wie sich das Wissen unterschiedlicher Disziplinen in Verbindung bringen lässt und wie es sich zum alltäglichen Wissen verhält. Tatsächlich werden die Unterschiede zwischen den einzelnen Disziplinen oftmals viel schärfer gemacht als sie es in der konkreten Forschungspraxis tatsächlich sind. Mit derartigen Abgrenzungen wird versucht, die eigene Besonderheit besonders herauszuheben, um besser um die wissenschaftliche Anerkennung (auch um Forschungsmittel) konkurrieren zu können. Je nach Fragestellung und Interessenslagen mag die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Disziplinen pragmatisch sinnvoll sein; doch gibt es nach heutigem wissenschaftstheoretischem Verständnis keine grundsätzliche, methodologische Trennlinie mehr zwischen den Natur- und Gesellschaftswissenschaften.
In der sozial-ökologischen Forschung fokussieren Sie einerseits auf menschlich verursachte Umweltveränderung, wie z.B. auf das Wasser-Versorgungsproblem; andererseits untersuchen Sie soziale Veränderungstendenzen – etwa im demographischen Wandel, im Konsumverhalten oder im Tourismus. Haben Sie bei all diesen verschiedenen Gebieten ein wissenschaftliches Ethos, dem Sie folgen?
Wir binden unsere Forschung nicht direkt an ein Ethos, doch ergibt sich durch unseren Fokus auf die Wechselbeziehungen zwischen Natur und Gesellschaft und der bewussten Gestaltung dieser Wirkungs- und Bedeutungskonstellation ein Forschungsansatz, der ethische – wir sprechen eher von normativen – Fragestellungen mit einschließt. Damit beziehen wir uns auf eine Wissensform, die von der feministischen Technowissenschaftlerin Donna Haraway das „situiertes Wissen“ genannt wird. Zum einen wird damit anerkannt, dass eine problemorientierte Wissenschaft zwar nach wie vor auf allgemeinen Aussagen und auf theorien- und methodenabhängige Sprachen basiert; ihre Gegenstände entstehen jedoch in einem außerwissenschaftlichen, von unterschiedlichen sozialen Interessen und Werten geprägten Kontext, sie sind darin eingebunden und bleiben immer darauf bezogen. Zum anderen ist aber auch das Erzeugen disziplinären wissenschaftlichen Wissens an einen bestimmten Kontext gebunden, an bestimmte Orte und spezifische soziale Praktiken und technische Arrangements. Diesen doppelten Kontextbezug mitzudenken, spielt in unserer Forschungsarbeit eine wichtige Rolle, da wir so einen schärferen Blick für die Problemorientierung wissenschaftlichen Wissens gewinnen. Wir betreiben eine Forschung, die sich reflexiv mit der eigenen Wissenschaftspraxis auseinandersetzt, hier liegt unsere Besonderheit, unser roter Faden.
Wie bearbeiten Sie diese im Kontext erst aufkommenden Probleme wissenschaftlichen Wissens?
Bei allen unseren Themen – Wasserversorgung, nachhaltige Konsummuster, Forschungen zu Raum und zu Mobilität – soll uns der sozial-ökologische Blick helfen, besser zu verstehen, was die je konkreten Probleme wirklich kennzeichnet und bestimmt. Zunächst versuchen wir herauszufinden, wo die Wissensgrenzen zum Verständnis der untersuchten Probleme liegen. Im zweiten Schritt geht es uns dann darum, neue innovative Methoden zu entwickeln, mit Hilfe derer diese Probleme bearbeitet und Lösungsperspektiven entwickelt werden können. An die problematisch gewordenen Sachverhalte etwa im Bereich lokaler und globaler Nachhaltigkeit stellen wir die Frage nach wünschenswerten Entwicklungsmöglichkeiten. Insofern fragen wir auch immer, welche subjektiven Ziele und welche normativen Orientierungen der Akteure für die Entwicklungen wichtig sind, und belassen es nicht bei der bloßen Kausalanalyse des Problems. Wenn wir erfolgreich sind und die notwendigen Mittel zum Forschen haben, können wir konkrete Schritte vorschlagen, wie in eine Systemdynamik so eingegriffen werden kann, dass die Entwicklungsprozesse praktisch in eine wünschenswerte Richtung gedreht werden können. Weil uns die in der Wirklichkeit schon angelegten Möglichkeiten interessieren und nicht solche, die wir abstrakt, gewissermaßen von außen erst hineintragen, verwenden wir dafür den Begriff der „Möglichkeitsforschung“. In der Möglichkeitsforschung verknüpfen wir, kurz gesagt, operatives Wissen, das das direkte Eingreifen anleitet, mit dem analytischen Wissen, das erklärt, wie die Dinge funktionieren; und beide sind auf ein Orientierungswissen bezogen, das aufzeigen kann, wie sich das Wünschenswerte vom Unerwünschten unterscheiden und beurteilen lässt.
Über die Komplexität „gesellschaftlicher Naturverhältnisse“
Man kann sagen, dass die gesamte Forschungsarbeit des Instituts darauf ausgerichtet ist, die Dynamik gesellschaftlicher Naturverhältnisse – wie Ernährung, Fortbewegung, Wohnen – zu verstehen.
Ihre Ideen hören sich politisch „grün“ an. Erstreben Sie überhaupt einen politischen Brückenschlag?
Unsere Ideen sind politisch nicht in einer Tönung eingefärbt, auch wenn „sozial-ökologisch“ zunächst mit grün oder rot assoziiert wird. Wir sind nicht in einem unmittelbaren Sinne eine Politikberatungseinrichtung. Unser Verhältnis zur Politik ist viel eher durch eine gewisse Grundspannung charakterisiert. Teilweise werden wir als ein politisch verortetes Institut wahrgenommen, weil unsere Themen Gegenstand der politischen Auseinandersetzung sind - Mobilitätspolitik, Wasserpolitik, Stoffpolitik usw. Entsprechend richten sich dann auch Erwartungen auf direkt im politischen Alltagsgeschäft umsetzbare Empfehlungen und Konzepte. Diese Erwartung enttäuschen wir jedoch dann zumeist, denn wenn uns die Politik ein Problem vorgibt, muss sie damit rechnen, dass sie dieses Problem reformuliert von uns zurückbekommt und zunächst keine einfachen, direkt umsetzbaren Lösungsvorschläge erhält. Das wiederum führt dazu, dass unsere Problembehandlung als zu komplex wahrgenommen wird.
Haben Sie eine Vision, wie diese Kommunikation mit dem ISOE besser gestaltet werden könnte?
Ja: Wir hoffen, dass sich die Einsicht durchsetzt, dass nicht wir die Probleme überkomplex machen, sondern dass die von Politik oder Wirtschaft vorgegebenen Problemdefinitionen häufig unterkomplex sind. In dem Maße wie anerkannt wird, dass die gesellschaftlichen Probleme erst dann richtig auf den Tisch kommen, wenn sie in all ihrer Komplexität begriffen werden, in dem Maße wird vermutlich auch die sozial-ökologische Forschung vermehrt angefragt werden. Die aktuelle Debatte zur Klimaveränderung ist dafür ein gutes Beispiel.
Wo liegt derzeit Ihr Forschungsfokus, wo liegen Ihre besonderen Innovationen im Wissenschaftssystem?
Eine unserer wesentlichen Innovationen liegt in der Konstruktion eines neuen wissenschaftlichen Gegenstands, den wir im oben angesprochenen Grenzbereich zwischen Gesellschaft und Natur verorten. Wir bezeichnen diesen Forschungsgegenstand als „gesellschaftliche Naturverhältnisse“ – also als ein Relationsgefüge aus Elementen, die traditioneller Weise entweder dem Bereich der Natur oder dem der Gesellschaft zugerechnet werden. Gesellschaftliche Naturverhältnisse lassen sich als sozial-ökologische Systeme untersuchen. Man kann also sagen, dass die gesamte Forschungsarbeit des Instituts darauf ausgerichtet ist, die Dynamik gesellschaftlicher Naturverhältnisse – wie Ernährung, Fortbewegung, Wohnen – zu verstehen. Aus dem so entstehenden Systemwissen ergibt sich dann ein Verständnis, wie in diese Dynamik gezielt eingegriffen werden kann, wie sich gesellschaftliche Naturverhältnisse regulieren und transformieren lassen.
Können Sie ein Beispiel für die Konzepte geben, die Sie als Antwort auf sozial-ökologische Probleme geben?
Ein Ansatz, der uns gegenwärtig besonders beschäftigt, ist die Ausarbeitung einer sozial-ökologischen Risikoforschung. Hier heben wir auf neue, sogenannte „systemische“ Risiken ab, die sich weniger auf die Gefahren möglicher desaströser Einzelereignisse beziehen, vielmehr aus einer sich selbst verstärkenden Dynamik im normalen Funktionsbetrieb resultieren. Darin liegt die Möglichkeit des Zusammenbrechens ganzer Systeme. Ein Beispiel sind das Auftreten neuer, hormonähnlich wirkender Schadstoffe im Trinkwasser – z.B. als Folge der Herstellung, des Gebrauchs und der Entsorgung von Arzneimittel – die durch die Kläranlagen hindurch rauschen, mit der herkömmlichen Filtertechnik nicht aufgefangen werden können. Solche Risiken sind durch ein hohes Maß an strittigem oder Nichtwissen geprägt mit der Folge, dass nicht sog. „objektive“ Sachbeschreibungen, sondern subjektiv geprägte Problemwahrnehmungen eines der wesentlichen Antreiber in der Risikodynamik darstellen. Für den Umgang mit solchen Risiken entwickeln wir integrative Handlungskonzepte. Damit wollen wir bewirken, dass die Gesellschaft mit solchen schwer auszusteuernden Risiken kooperativ und im Sinne eines Lernprozesses umgehen kann. Und damit soll zugleich eine falsche „technologische“ Frontstellung aufgebrochen werden: Auf der einen Seite wird in Kauf genommen, dass die Entwicklung der Gesellschaft stagniert, weil sich die Verantwortlichen aus Angst vor möglichen Risiken nichts mehr zu tun trauen; auf der anderen Seite ist man aus einer naiven Technologiegläubigkeit heraus davon überzeugt, dass jedes auftretende Problem auch gelöst werden kann, mit der Folge, mögliche Risiken solange zu ignorieren, bis ein Thema zu einem gesellschaftlichen Skandal heranwächst und es dann oft zu spät ist, um noch steuernd eingreifen zu können. Wir versuchen zwischen diesen beiden Polen des Stagnierens und des Ignorierens zu vermitteln und herauszufinden, welche Lösungswege noch offen stehen. Tatsächlich existiert zwischen diesen Polen ein fruchtbar zu machendes Lernpotential für die gesamte Gesellschaft.
Besondere Forschungsakzente des ISOE
Wir versuchen über formale Modellierungen ein Lerninstrument für regionales Handeln zu entwickeln, das problem- und regionenspezifische Daten aufnimmt.
Sie sprechen viel in großen Begriffen, wie Gesellschaft, Natur und Potential. Wie sieht denn Ihre Forschung konkret aus: Wie empirisch ist die Forschung des ISOE?
Mit unserem – vergleichsweise kleinen – Kernbestand von rund 17 wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern legen wir am ISOE starken Wert auf Kooperation – nach innen wie außen. Wir haben ein starkes Interesse daran, dass diese Kerngruppe langfristig am Institut arbeiten kann. Über Kooperationen mit anderen Forschungsinstituten werden uns wiederum Sichtweisen, Kompetenzen und Methoden für Forschungsprozesse zugänglich, die wir selber nicht haben. Bei diesem komparativen Forschungsmodell unterscheiden wir im Institut zwischen drei Forschungsprojekttypen: einen grundlagenorientierten Projekttyp; einen stark umsetzungsnahen Forschungsprojekttyp und einen konzeptorientierten Forschungsprojekttyp. Der umsetzungsnahe Forschungsprojekttyp ist besonders stark empirisch ausgerichtet. Dafür haben wir, anders als andere Ökologie-Institute, eigene sozial- empirische Kompetenzen im Institut. Möglich wurde der Aufbau und die Etablierung dieser empirisch und konzeptionell fundierten institutionellen Struktur des Instituts erst durch eine Förderinitiative – der BMBF-Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung – die 2000 durch die damalige Bundesministerin für Forschung und Bildung, Edelgard Bulmahn, als erstes transdisziplinäres Förderkonzept ergriffen wurde.
Welche Besonderheit hat der konzeptorientierte Forschungsprojekttyp am ISOE?
Für die Konzeptforschung sind wir derzeit dabei, einen methodischen Zugang für formale Modellierungen auszuarbeiten. Wir zielen dabei nicht auf die großen Weltmodelle, behandeln nicht das Klima als globales Phänomen, sondern versuchen über formale Modellierungen ein Lerninstrument für regionales Handeln zu entwickeln, das problem- und regionenspezifische Daten aufnimmt. Unser Ziel ist, die Modelle so einfach und benutzerfreundlich zu gestalten, dass sie bei Entscheidungsprozessen mit verschiedenen, von unterschiedlichen Interessen geleiteten Akteuren hilfreich sind. Es geht darum, dass sie mit einem Modell den Konflikt bearbeiten können, und dass wir den beteiligten Akteuren darüber zeigen können, was die möglichen Auswirkungen sein könnten, wenn die Entscheidung A getroffen würde und nicht die Entscheidung B. Über ein solches Modell lassen sich dann die Konsequenzen unterschiedlicher Entscheidungen erkennen und bewerten.
Ist diese Methode für Sie ein Weg, um Ihre Konzepte überzeugender zu vermitteln?
Ja, das ist ein interessanter Weg, um konkreter in den einzelnen Fallbeispielen arbeiten zu können. Es geht uns darum, dass diese Modelle für sich sprechen und „forschungspraktisch“ wirken und wir dann nicht mehr so viel auf einer Meta-Ebene erklären müssen.
Wider die wissenschaftliche Alltagsvergessenheit
Der Alltag ist noch nicht in erforderlichem Maße im Blick der Wissenschaften angekommen.
Welche Unterstützung wünschen Sie sich für Ihre Forschung am meisten?
Zuerst einmal sollte die Bedeutung transdisziplinärer Forschung besser er- und anerkannt werden, damit der mögliche Gewinn inter- und transdisziplinärer Forschung für die Gesellschaft herausgeholt werden kann. Dann eine kontinuierliche Basisfinanzierung unserer Forschung, um Schwankungen in den Projektfinanzierungen auffangen, Neues entwickeln und auch Umwege oder Fehler machen zu können. Gegenwärtig finanzieren wir uns im Wesentlichen über wettbewerblich eingeworbene Mittel der Forschungsförderung und Auftragsforschung. Unsere Forschung verläuft darüber episodenförmig: das finanzierte Forschungsprojekt setzt immer einen Forschungsvorlauf voraus, der nicht finanziert ist, und am Ende müssen oft viel zu früh interessante Forschungsfragen abgeschnitten werden. Langfristiges Forschen ist so auf Dauer nicht möglich!
Dringend nötig ist überdies eine Unterstützung im Bereich der Nachwuchsförderung und Nachwuchsbildung. Bislang ist es unglaublich schwierig in den disziplinären Hochschulstrukturen inter- und transdisziplinär auszubilden. Hier sind neue Instrumente der Nachwuchsbildung gefragt, wie sie etwa im Förderschwerpunkt Sozial-ökologische Forschung seitens des BMBF bereits einsetzt werden. Es ist eine wesentliche Zukunftsaufgabe der Hochschulen, Nachwuchsförderung auch für die transdisziplinäre Forschung und darauf aufbauende Karrierepfade, einschließlich von Professuren mit einer transdisziplinären Widmung, zu ermöglichen.
Und es bedarf einer Hilfestellung von außen, damit wir uns stärker auch im internationalen Diskurs beteiligen können. Wenn es innerhalb des deutschsprachigen Raumes nicht gelingt, der an Nachhaltigkeit orientierten transdisziplinären Forschung eine stärkere Anerkennung zu verschaffen, wird es umso schwieriger, im Rahmen der EU-Forschungsförderung erfolgreich zu sein. Deshalb muss die nationale Bedeutung transdisziplinärer Forschung auch deshalb gestärkt werden, um international resonanzfähig zu sein.
Obwohl viel vom Alltag gesprochen wird, wird der Alltag, das Handeln im Alltag, als Forschungsgegenstand immer noch selten zum Fokus?
Ja, es gibt den schönen Begriff der „Alltagsvergessenheit“ der Ökologie, und da ist sehr viel dran! Es wird nämlich oft in „gereinigten“, abgehobenen Modellen gedacht und in viel zu einfachen generalistischen Zielhorizonten und Handlungskonzepten gearbeitet. Wenn die daraus abgeleiteten Konzepte und Strategien praktisch nicht greifen, kommen dann vereinfachende normativen Begründungen für Verhaltensänderungen zum Zug, und man fordert uns auf, sparsam zu sein, die Natur zu achten usw. Das hat aber mit dem eigenen Alltag, in dem wir z.B. unsere Arbeit oder die Kindererziehung zu managen haben, häufig nur sehr begrenzt etwas zu tun. Vielen Wissenschaftlern erscheint es einfacher, vor dem Hintergrund großer Bedrohungsszenarien oder Zukunftsentwürfen allgemeine Normen abzuleiten, statt sich in die Niederungen des Alltags zu begeben und die dort herrschenden Zwänge und Möglichkeiten zu erforschen. So wird Verantwortung durch moralische Appelle immer weiter individualisiert. Das kann dann dazu führen, dass der Druck auf den Einzelnen weiter erhöht, oder umgekehrt sinnvolle Wege gar nicht beschritten werden – was dann fälschlicherweise als moralische Diskrepanz zwischen Wollen und Tun interpretiert wird. Wir versuchen den Akzent anders zu setzen, und beschäftigen uns z.B. mit der Routinenbildung im Alltag, ohne die ein praktisches Leben kaum sinnvoll zu führen ist, die aber auch die Möglichkeiten und Spielräume von Verhaltensänderungen vorzeichnen. Wenn wir als Gesellschaft z.B. ein anderes Ernährungsverhalten haben möchten, so müssen wir überlegen, wie sich die individuellen – wie lebensstil- bzw. lebensphasenspezifischen – sehr unterschiedlichen Alltagsroutinen des Einkaufens, des Nahrungszubereitens, des Genießens und „In-Gesellschaft-Sein“ ändern lassen. Der Alltag ist noch nicht in erforderlichem Maße im Blick der Wissenschaften angekommen.
Sehen Sie sich in solchen Problemlösungsversuchen zwischen wissenschaftlichem Konzept und Alltagsakteuren auch als einen Vermittler, der die Vielfalt der Vorstellungen moderiert?
Ob das gelingt, hängt sehr stark von dem jeweiligen Problem ab. Einem ganz bestimmten Akteur, z.B. einer Stadtverwaltung kann man schon etwas Spezifisches anraten. Man kann z.B. sagen: Wenn in der Stadt A die Verkehrsorganisation verbessert werden soll, dann braucht es dort ein zielgruppenspezifisches Mobilitätsmarketing, und es müssten wenigstens fünf Gruppen erreicht werden, die für diese Stadt empirisch sinnvoll unterschieden werden können. Wenn dann aber das Informationsangebot nicht gleichzeitig auf das Marketing abgestimmt ist, wenn das Kommunikationsversprechen nicht mit praktischen Maßnahmen einhergeht, dann wird die Wirksamkeit des Marketing riskiert. Damit also eine Resonanz entstehen kann, sollten z.B. Information, Marketing und baulich-technische Maßnahmen eng aufeinander abgestimmt sein.
Unausgeschöpfte Potentiale der Region FrankfurtRheinMain
Es wird noch viel zu wenig in der Wissenschaftstradition gearbeitet, die ich sehr stark mit Frankfurt verbinde: nämlich dass (auch radikale) Kritik und (realistische) Gestaltung von gegebenen Verhältnissen keinen Gegensatz darstellen müssen, sondern zusammen gebracht werden können!
Welche Stärken sehen Sie im wissenschaftlichen Umfeld in der Region FrankfurtRheinMain und was vermissen Sie eventuell?
Die kurzen Wege halte ich für eine Stärke der Region. Selbst wenn wir die Rhein-Main-Region sehr groß machen und über Darmstadt hinaus bis an die Tore Heidelbergs, Bingens, Aschaffenburgs und Gießens reichen lassen, hat sie immer noch vergleichsweise kurze Wege. Zudem sind in der Region sehr viele interessante Institutionen verteilt, deren Kooperations- und Synergie-Potentiale jedoch noch nicht ausgeschöpft sind! Und dort wo kooperiert wird, wird noch viel zu wenig in der Wissenschaftstradition gearbeitet, die ich sehr stark mit Frankfurt verbinde: nämlich dass (auch radikale) Kritik und (realistische) Gestaltung von gegebenen Verhältnissen keinen Gegensatz darstellen müssen, sondern zusammen gebracht werden können! Heute wird noch viel zu konventionell gedacht: Auf der einen Seite haben wir eine fast übersteigerte Vorstellung über die Gestaltbarkeit der Verhältnisse: man müsse nur an den richtigen Schrauben drehen. Derartige Vorstellungen finden sich nicht nur in den traditionellen Politik- und Wirtschaftskreisen, sondern auch in der Kommunikationsbranche und bei einigen selbsternannten Zukunfts- und Trendforschern. Auf der anderen Seite sieht man die derzeitige Situation als noch so komfortabel an, dass es ausreicht, Kritik zu üben, ohne zu fragen, wie sie auch praktisch wirksam werden kann. Hier bescheidet man sich damit, wissenschaftlich nachzuweisen, was alles noch nicht gemacht wurde, was etwa bei Planungsvorgängen nicht berücksichtigt worden ist, und wie die Dinge „eigentlich“ sein sollten.
Wie beurteilen Sie die Kommunikationsqualität zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit in der Region FrankfurtRheinMain? Gibt es ein öffentliches Interesse an sozial-ökologischer Forschung?
Wir machen immer dann gute Erfahrungen, wenn das Herstellen von Öffentlichkeit in unserer eigenen Hand liegt. Wenn wir keinen Vermittler brauchen, kommen in der Regel sehr interessante, offene, kooperative Situationen zustande. Wir haben z.B. im letzten Jahr eine gut besuchte Veranstaltung zum Thema „Ernährung anders gestalten“ auf die Beine gestellt, und haben dafür die Gestaltung des Podiums, den Raum und die Werbung mit Texten, Anzeigen in Zeitungen und Plakaten selbst übernommen. Gelingt es uns, öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen alltagsnah zu konzipieren und diese entsprechend zu kommunizieren, dann kommen interessante Formate mit hoher Resonanzkraft heraus. Weniger gute Erfahrungen machen wir, wenn wir darauf hoffen, über die Medien an die Öffentlichkeit zu gelangen, nicht nur bezogen auf Veranstaltungen, sondern auch im Hinblick auf unsere Forschungsergebnisse. Denn passt ein Thema nicht auf die mediale Agenda – sei es aufgrund des für die Medien nicht erkennbarem Neuigkeitswerts, mangelnder Dramatik oder Skandalisierbarkeit – fallen wir durch das mediale Raster hindurch. Interessanterweise ist es uns für die frankfurter Medien – wie z.B. die FAZ oder FR – bis heute nicht gelungen, ausreichend mit unseren Ergebnissen (und Absichten) wahrgenommen zu werden.
Sozial-ökologisch denken lernen
... ein Gesellschaftsverständnis zu gelangen, das es mir ermöglicht, Zusammenhänge zwischen Bereichen zu denken, die traditionell getrennt behandelt werden.
Was hat Sie persönlich bewogen, den Weg zu einer neuen Wissenschaft im Überschneidungsbereich von Natur und Gesellschaft einzuschlagen?
Ich habe in den siebziger Jahren in Frankfurt Soziologie studiert, und das Institut für sozial-ökologische Forschung habe ich vor über zwanzig Jahren mitbegründet. Seitdem habe ich im Bereich der sozialwissenschaftlichen Umweltforschung, beispielsweise in Projekten zu Mobilität und Wasser, gearbeitet. Zusammen mit einem Kollegen habe ich mich in dieser Zeit aber z.B. auch mit der „Ökologie von rechts“ auseinandergesetzt. Wir haben untersucht, ob und inwieweit rechte Parteien wie die NPD und die Republikaner nach dem Mauerfall 1989 versuchen, über die Umweltdebatte – Naturschutz und Volkstümelei – ein Bein in die Parteienlandschaft hinein zu bekommen. Ein roter Faden in all diesen Forschungsarbeiten war der Versuch zu einem Gesellschaftsverständnis zu gelangen, das es mir ermöglicht, Zusammenhänge zwischen Bereichen zu denken, die traditionell getrennt behandelt werden. Insofern habe ich die Perspektive auf die „gesellschaftlichen Naturverhältnisse“ im Grunde von Beginn an verfolgt. Theoretisch reicht dieser Versuch zurück bis zu meiner Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie, hier vor allem mit Theodor W. Adorno und Walter Benjamin. Diese „kritischen Theoretiker“ waren in vielerlei Hinsicht für mich prägend – biographisch, politisch, theoretisch, wissenschaftlich. Von ihnen habe ich auch wesentliche Impulse zu der Frage bekommen, wie man das Verhältnis zwischen Individuum, Gesellschaft und Natur denken kann. Schließlich hat sich dann aus der Forschungspraxis heraus mein Interesse am Begriff der ‚transdisziplinären Forschung’ entwickelt. Was heute darunter verstanden wird, das habe ich mit beeinflusst und setze mich weiterhin intensiv damit auseinander.
Gibt es für Sie so etwa wie ein Schlüsselerlebnis, das Sie dazu geführt hat, sozial-ökologisch zu forschen?
Es gab nicht das eine Schlüsselerlebnis, sondern vielleicht eine Schlüsselzeit, die ich als die zweite Studentenbewegung bezeichnen würde – nämlich die Zeit zwischen 1976 und 1981. Dieser Studentenbewegung war es gelungen, sich vom dogmatischen Marxismus zu lösen und sich von rigiden, in sich kreisenden Organisationsformen, wie den K-Gruppen und den damit verknüpften – aus meiner Sicht sehr abgehobenen – akademischen Diskursen zu verabschieden. In den intellektuellen und sozialen Auseinandersetzungen dieser Jahre wurde mit diesen selbstbezüglichen, dogmatischen Strukturen gebrochen und es entstanden ganz neue Überlegungen; aus dem französischen Strukturalismus oder dem Poststrukturalismus erwuchs ein neues Denken, und gleichzeitig strömten durch die neuen sozialen Bewegungen, wie die Ökologiebewegung, die Frauenbewegung, die Alternativbewegung, neue Problemstellungen in die Hochschulen hinein. Sie führten dort zu sehr heterogenen Denkweisen und zu grundsätzlichen Auseinandersetzungen auch darüber, was Wissenschaft überhaupt ausmacht. Diese Zeit zwischen 1976 und 1981 war insofern auch für meine biografische und wissenschaftliche Weltsicht und Weltverständnis prägend.
Andere Orte für die Wissenschaft
Die Universität wurde vom Campus auf das Startbahngelände verlagert, und plötzlich waren da ganz andere Bevölkerungsgruppen an Wissensprozessen beteiligt; es entstand eine Art Dezentrierung und Pluralisierung der Wissensgenerierung.
Insofern begleitet Sie diese Debatte in Ihrer Forschung ja bis heute. Gab es für Sie herausragende Momente in dieser Zeit?
Ja, eine ganz wesentliche Erfahrung war die Auseinandersetzung um die Startbahn 18 West Anfang der 80er Jahre. Hier wurde noch einmal anders fassbar, wie Wissenschaft wirksam werden kann. Es war eine neue Art, Wissenschaft zu betreiben, trotz, teilweise auch gerade wegen, der zum Teil sehr harten sozialen und politischen Auseinandersetzungen. Die Universität wurde vom Campus auf das Startbahngelände verlagert, und plötzlich waren da ganz andere Bevölkerungsgruppen an Wissensprozessen beteiligt; es entstand eine Art Dezentrierung und Pluralisierung der Wissensgenerierung. Damals wurde beispielsweise im Flörsheimer Wald eine andere Art der Universität gegründet – die Walduni mit ihren dortigen Seminaren, Kursen und Vorlesungen, zum Teil zu sehr spezifischen Themen, wie der Startbahn West, zum Teil aber auch zu Themen, die mit dem Konflikt nicht unmittelbar verknüpft waren.
Heute könnte so eine Bewegung ja im Grunde wieder neu erwachen, Gründe und Situationen dazu gibt es genug. Was hat sich in der Zwischenzeit verändert?
Gegenüber heute war die Situation damals vergleichsweise einfach und übersichtlich. Und so unübersichtlich es uns damals vor dem übersichtlichen Hintergrund von 1968 auch erschien, die heutige Welt ist noch viel unübersichtlicher. Die heutigen Jugendlichen, die unter verschärften Bedingungen von Heterogenität, Pluralität und großer sozialer und intellektueller Verunsicherung leben, sie haben es ungeheuer schwer, die Vielfalt der Fakten und Erscheinungen zu einem einfachen Bild zusammenzufügen, das nicht banal oder ideologisch ist.
Hätten Sie beruflich auch einen anderen Weg einschlagen mögen?
Vielleicht hätte ich auch Theater- oder Film-Regisseur im Independent-Bereich werden können, weil es mir Spaß macht, Personen, Fähigkeiten, unterschiedliche Sichtweisen zu verbinden, und zugleich Raum für unterschiedliche Individualitäten, Überraschungen, Unvorhergesehenes und Unvorhersehbares zu lassen – Raum für spontane, nicht gesteuerte interessante Konstellationsbildungen.
Herausgeber © Institut für Neue Medien, Frankfurt am Main, 06-11-2007